Open Source Learning-Management-Systeme

Konkurrenzfähige Leistung durch Offenheit und Flexibilität

In der unternehmensweiten IT hat sich Open-Source-Software bereits etabliert. Nun zieht die offene und lizenzfreie Software auch zusehends in den E-Learning-Bereich ein. Denn die Liste der Vorteile ist lang: Neben einer hohen Kostenersparnis bieten Learning-Management-Systeme auf Basis von Open Source inzwischen eine konkurrenzfähige Leistung und ein hohes Maß an Sicherheit durch die partizipative Weiterentwicklung.

Relativ emotionslos stand das Versicherungsunternehmen HDI-Gerling der Wahl zwischen Open-Source- und kommerzieller Software gegenüber, als es um die Einf%uuml;hrung eines Learning-Management-Systems (LMS) ging. Wichtig war nur, dass die Software den Anforderungskatalog des Unternehmens erfüllte. Die rund 10.000 Mitarbeiter und Agenten des Versicherungsunternehmens sollten zwar zügig zum Allgemeinen Gleichstellungsgesetz und zur Reform des Versicherungsvertragsgesetzes geschult werden, doch den unternehmensweiten Einstieg ins E-Learning wollte das Versicherungsunternehmen nicht gleich mit hohen Investitionskosten beginnen. Dennoch sollte das LMS eine bequeme Kursverwaltung und eine differenzierte Rollen- und Rechtestruktur bieten und sich einfach dem Firmen-Layout anpassen lassen. Anforderungen, die inzwischen sowohl von den meisten kommerziellen als auch von gängigen Open-Source-Systemen erfüllt werden können.

Von den rund 15 evaluierten LMS entsprachen schließlich nur die beiden Open-Source-Systeme ILIAS und Moodle den Anforderungen. Silvia Brass aus der Abteilung Personalentwicklung / Neue Medien erklärt: "Kommerzielle LMS waren uns viel zu teuer und boten keine Vorteile in Bezug auf die Leistungsfähigkeit, deswegen haben wir uns schließlich für ILIAS entschieden."

Freier Zugang zum Quellcode

Ähnlich wie HDI-Gerling setzen viele Unternehmen mit einem Learning-Management-System erstmals den Fuß in die Open-Source-Welt. Allerdings wird die Diskussion um Open-Source mittlerweile in einer so breiten Öffentlichkeit geführt, dass sich so ziemlich jeder IT-Verantwortliche schon einmal mit dem Thema beschäftigt hat. Zudem hat professionelle Open-Source-Software wie LINUX, Apache oder Open Office ihren Platz in der unternehmensweiten Informationstechnologie bereits gefunden und sich dabei als wirtschaftlich und qualitativ hochwertige Alternative zu kommerzieller Software erwiesen.

Im Gegensatz zu kommerziellen Produkten zielt Open-Source-Software sowohl auf einen offenen und partizipativen Entwicklungsprozess als auch auf den komplett freien Umgang mit der Software. Die Idee geht auf Richard Stallmann zurück, der 1983 das Betriebssystem GNU (GNU's Not Unix) als Derivat der Software UNIX unter der so genannten GNU General Public License (GPL) veröffentlichte. Den Leitsätzen zufolge darf jeder Benutzer das Programm uneingeschränkt verwenden, kopieren, vertreiben, studieren, verändern und verbessern. Sämtliche Verbesserungen sind allerdings der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit die gesamte Gemeinschaft (Community) davon profitieren kann. "Deshalb ist die Aktivität der Community von Nutzern und Entwicklern immer ein wichtiger Indikator für die Qualität und Aktualität einer Open-Source-Software", weiß Udo Heyder; Leiter der Lehrgruppe 5 in der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV). Heyder ist überzeugt: "Vor allem eine Konstellation, bei der die Community in einer deutschen Hochschule aufgehängt ist, verspricht Einrichtungen, die Open Source einsetzen wollen, eine hohe Investitionssicherheit." Die Nähe zur Forschung sorge für eine aktive Community und damit die nachhaltige Weiterentwicklung.

Open-Source-Software im E-Learning-Bereich

Auch im E-Learning-Bereich haben Open-Source-Produkte inzwischen einen Entwicklungsstand erreicht, der den Ansprüchen professioneller Unternehmensanwender genügt. Das zeigt auch das Ergebnis des im Rahmen des Kongresses Learning World 2007 veranstalteten LMS Shoot-Outs. Hier waren Anbieter von Learning-Management-Systemen zum sportlichen Qualitätswettstreit aufgefordert. Die Open-Source-Lösung ILIAS schlug die kommerziellen Wettbewerber aus dem Rennen und sicherte sich den ersten Rang.

Einen Überblick über die 23 Open-Source-LMS gibt die Studie "Open-Source-Werkzeuge für e-Trainings" von Kornelia Maier-Häfele und Hartmut Häfele. Die im deutschsprachigen Raum am weitesten verbreiteten LMS sind demnach Moodle und ILIAS. Auf Grundlage einer umfassenden Evaluation, empfehlen die Autoren die Plattform Moodle besonders zur Durchführung einzelner Seminare und das LMS ILIAS zur Unterstützung von ganzheitlichen E-Learning-Strategien größerer Organisationen.

Beide LMS haben inzwischen eine hohe Installationsbasis erreicht. Nach Angaben der Communities gibt es international rund 30.000 Moodle- und rund 3.800 registrierte ILIAS-Installationen, damit übersteigt sie die Installationsbasis von kommerziellen LMS um ein Vielfaches. Bernhard Grassl vom Malik Management Zentrum St. Gallen ist vom Einsatz von ILIAS überzeugt: "Die höhere Installationsbasis und eine engagierte Community versprechen langfristig ein viel besseres Entwicklungspotential als bei kommerzieller Software."

Leistungsfähigkeit auf dem Prüfstand

Generelle Bedenken gegen den Einsatz von Open-Source-Software betreffen vor allem die vermeintlich geringe Skalierbarkeit, Stabilität und Performanz und damit die Eignung für den Einsatz in größeren Organisationen. Bernhard Grassl glaubt jedoch: "Open Source hat sich bewährt, deswegen haben sich die Vorbehalte in den meisten Unternehmen erledigt und man entscheidet eher nach Falllage."

So unterschiedlich wie die Unternehmen selbst, so vielfältig sind auch deren Anforderungen an ein Learning-Management-System. Dass gängige Open-Source-Systeme den Anforderungen jeder Größenordnung und globalen Ausrichtung standhalten können, belegen folgende Praxisbeispiele:

Die Globus SB-Warenhaus Holding schätzt an Open Source besonders die Offenheit für mobile Endgeräte. An fünf von 38 Standorten bildet die Warenhauskette ihr Verkaufspersonal mit kurzen Lerneinheiten auf einem PDA fort. Der Roll-out für weitere Niederlassungen soll in Kürze folgen. Olaf Schomaker, Koordinationsbereichsleiter Mitarbeiterservice, erklärt: "In einem wirtschaftlich interessanten Rahmen konnten überhaupt nur zwei Open-Source-LMS unsere Anforderungen abbilden und nur ILIAS erfüllte auch noch die wichtigen Standards SCORM und AICC."

Die Anforderungen der Roto Frank AG, Hersteller für Fenster- und Türenbeschläge, zielten auf Internationalität. "Wir haben mit ILIAS ein Open-Source-LMS gefunden, das in der Lage ist, Fortbildung für unsere internationalen Vertriebsmitarbeiter in zehn und mehr Sprachräumen abzubilden. Und die selbsterklärende Oberfläche hilft uns, den Schulungsaufwand für die Anwender zu minimieren ", erläutert Bettina Kötteritz, verantwortlich für E-Learning bei Roto Frank AG, Fenster- und Türtechnologie.

Dem Anspruch an die Usability kann Norbert Schmitz, Verwaltungsleiter der Steuer-Fachschule Dr. Endriss nur unterstreichen: "Für die Fortbildung von rund 1200 Bilanzbuchhaltern im Rahmen einer Blended-Learning-Maßnahme brauchten wir dringend eine selbsterklärende Benutzeroberfläche." Auch die Steuer-Fachschule hat sich schließlich für ILIAS entschieden, das zudem ein leicht zu bedienendes Autoren-Tool bot.

Die Zumtobel Gruppe entschied sich aufgrund des umfangreichen Leistungsspektrums bei überschaubaren Kosten für die Open Source Plattform ILIAS. Bei der Integration der Lernplattform in die Systemarchitektur von Zumtobel war es besonders wichtig, allen Mitarbeitern Zugang über Single Sign-on zu ermöglichen.

Für die Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV) war vor allem die Skalierbarkeit ein Thema. "Auf unserer Open-Source-Lernplattform bieten wir E-Learning-Programme für rund 300 000 Bedienstete in 200 Bundesbehörden an", erklärt Udo Heyder von der BAköV.

Vorteile sind überzeugend

Neben der Leistungsfähigkeit ist der Wegfall der Lizenzkosten sicher ein zentraler Vorteil von Open-Source-Software. "Für eine kommerzielle Lösung hätten wir rund 400.000 Euro aufwenden müssen, die Kosten für die Anpassung des Open-Source-LMS beliefen sich aber nur auf rund 30.000 Euro. Warum sollten wir also bei ähnlicher Leistungsfähigkeit mehr als das Zehnfache ausgeben.", bringt es Udo Heyder auf den Punkt: Und im Unterschied zu kommerzieller Software, spielt es bei Open-Source-Software keine Rolle, ob eine oder gar Tausende Kopien des Programms eingesetzt werden.

Dennoch würde niemand ernsthaft behaupten, Open-Source-Software sei zum Nulltarif zu haben. Für Anpassung und Service entstehen immer Kosten. Doch glaubt man der Studie "Kassensturz: Open-Source und proprietäre Software im Vergleich" von Binder und Lipski, ist Open-Source-Software auch bei der Berechnung der Total Cost of Ownership (TCO) lang-fristig kostengünstiger. Dabei werden neben Kosten für Beschaffung, Betrieb und Außerstandsetzung auch Implementierungskosten bei Updates berechnet. Die jährliche Ersparnis gegenüber kommerzieller Software beziffern die Autoren auf bis zu 55 Prozent.

Als weitere Vorteile gegenüber kommerzieller Software gelten höhere Produktqualität und Sicherheit. Durch das Prinzip des "Peer Review" erfolgt eine intensive Qualitätskontrolle innerhalb der Entwickler-Community. Bugs oder Warnmeldungen werden sofort veröffentlicht, weil es keine Geheimhalteabkommen gibt.

Aufgrund der offenen Quellcodes lässt sich die Software beliebig an Kundenbedürfnisse anpassen. Einwände, dass Open Source nicht in die Unternehmensinfrastruktur passe, sind klar zu widerlegen, denn in vielen Fällen sind Learning-Management-Systeme keine Stand-alone-Lösung, sondern in Intranets integriert oder wie im Fall der Steuer-Fachschule Endriss mit anderen Seminarverwaltungsprogrammen verknüpft. Verwaltungsleiter Norbert Schmitz stellt fest: "Durch die offenen Sources und bereits vorhandene Standard-Schnittstellen konnten wir die Verknüpfung unserer Kurs-Verwaltungssoftware zu ILIAS einfach und kostengünstig herstellen."

Open Source auf dem Vormarsch

Open-Source-Software ist in Wirtschaft, Verwaltung und in Hochschulen auch im Bereich E-Learning längst keine Randerscheinung mehr. Und der Markt wächst zusehends. Jüngste Untersuchungen bestätigen den Aufwärtstrend. Der Vormarsch von Open Source scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein, glauben auch die Gartner-Analysten. Ihren Prognosen zufolge wird bis 2012 bereits 80 Prozent der kommerziellen Software auch Open-Source-Elemente beinhalten. Das Image einer "Bastel-Lösung für Individualisten" hat Open-Source-Software also längst hinter sich gelassen. Von diesem allgemeinen Trend wird auch der Einsatz von Open Source im E-Learning vorangetrieben.

Erfolgsfaktoren für den Einsatz von Open-Source-Software

Aktivität der Entwickler-Community: Sie ist ein Gradmesser für die zukünftige Entwicklung des Produkts. Neue Versionen mit neuen Releases sollten in regelmäßigen Abständen veröffentlicht werden. Nur wenn ein kontinuierlicher Ausbau der Software erkennbar ist, verfügt die Community über eine ausreichende Dynamik, um die Anwendung an die sich wandelnden Anforderungen anzupassen. Als Orientierung für die mittelfristig geplante Weiterentwicklung kann auch eine so genannte Roadmap dienen, die in der Regel im Internet veröffentlicht wird.

Verbreitung des Produkts: Eine große Anzahl von Anwendern spricht für ein stabiles und leistungsfähiges Open-Source-Produkt und stellt sicher, dass neue Versionen von vielen Anwendern getestet, und eventuelle Fehler schnell gefunden und beseitigt werden.

Berücksichtigung von Standards: Wie auch bei der Anschaffung einer kommerziellen Software sollten zum Schutz der eigenen Investitionen in Content nur Produkte ausgewählt werden, die zukunftsorientierte Standards (wie z. B. LOM und SCORM 1.2 / 2004) unterstützen. Das vermeidet Investitionsfallen, die dann auftreten können, wenn ein Produktwechsel erforderlich wird (z. B. wenn das Produkt die eigenen Anforderungen nicht mehr abgedeckt).

Professioneller Support: Es sollten spezialisierte Dienstleister vorhanden sein, mit denen Vereinbarungen (Service Level Agreements) zur vertraglichen Absicherung eines störungsfreien Betriebs sowie einer regelmäßigen Wartung und Pflege getroffen werden können.



Über den Autor

Dr. Norbert Bromberger ist geschäftsführender Gesellschafter der QUALITUS GmbH mit Sitz in Köln. Der Full-Service-Dienstleister im Bereich eLearning verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und bietet ein umfangreiches Leistungsspektrum von Beratung über Content-Entwicklung und Training bis zum Hosting. Einen besonderen Schwerpunkt legt QUALITUS dabei auf Serviceleistungen rund um das Open Source Learning-Management-System ILIAS.

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